Wieviel ist zu viel? Nachhaltiger konsumieren

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Wie kann man bei medialer Dauerberieselung Konsumgelassenheit erlangen? Als Kind und Jugendliche wurde ich nur über den Fernseher oder Schaufensterauslagen berieselt und zum Kauf gelockt. Heute ist das ganz anders: Banner, Anzeigen, Werbeclips auf YouTube, Postwurfsendungen, Spots im Radio oder auf Streamingplattformen wie Spotify. Überall gibt es immer das beste, günstigste Angebot. Kauf mich!

Das Geld, um mir ein neues Elektrogadget, das 221. weiße T-Shirt und die unwiderstehliche Handtasche zu kaufen, habe ich.

Die zentrale Frage: brauche ich soviel Zeug?

Ist es nicht eher so, dass ich mit schnellen Käufen (besonders der virtuelle Einkaufskorb im eCommerce ist federleicht) ein ungesundes System befeuere? Dass ich dadurch die Ausbeutung von Menschen in der Produktion und in der Logistik (die Boten bei DHL & Co. verdienen nicht viel Geld und müssen schuften wie die Wahnsinnigen) fördere?

Wie viele meiner Elektrogeräte sind im Laufe meines bisherigen Lebens zu Schrott geworden, wie viel Wasser und Deponiemüll hat meine Fashion-Garderobe verursacht und wie viele Lippenstifte, Makeup-Paletten und Parfums habe ich erst gebunkert. Dann entsorgt.

Das Dilemma des Konsums

Die Natur und die Menschen im globalen Süden, die viele unserer so heiß begehrten Produkte herstellen, sind zum Schweigen verdammt. Wir im globalen Norden sind echte Champions im Nehmen, beim Geben sieht’s anders aus. Klar, Spenden für die dritte Welt & Co. Das geht immer, das geht schnell. Und dagegen richtet sich meine Systemkritik auch gar nicht!

Aber sind Spenden nicht irgendwie auch eine Art von Ablasszahlung für unser schlechtes Gewissen? Werden wir dadurch die ersehnte Konsumgelassenheit erlangen?

Als Nachhaltigkeitsmanagerin habe ich mich intensiv mit Themen wie Elektroschrott, Bodenverschmutzung durch Mülldeponien, Langlebigkeit von Elektroprodukten usw. beschäftigt. Trotz meines Titels “Nachhaltigkeitsmanagerin” habe ich nicht die thematische Brücke zu mir selbst geschlagen und mein eigenes Konsumverhalten hinterfragt.

Mein krasser Umdenkmoment

Denke ich jetzt daran, wie viele Klamotten, Parfums, Makeup und Gadgets ich hatte… es ist mir peinlich. Nicht weil es ein Dirty Secret wäre, sondern weil ich unseren Planeten so sorglos mit meinem Verhalten gequält habe.

Das Umdenken kam 2017, als ich durch Todesfälle in meiner Familie bedingt, die Wohnung meiner Eltern auflösen musste. So viel Zeug.

Ich wurde gefragt: “Was davon möchtest Du denn gern behalten? Welche Erinnerungsstücke sind Dir wichtig?” Meine Eltern hatten sehr viele Dinge in ihrer Wohnung. Am Ende habe ich ganz wenig behalten.

Das war der Turning Point. Die Auswahl war schmerzhaft, quälend. Schliesslich kam ich mit ein paar Erinnerungsstücken meiner Eltern zurück in meine Wohnung und mistete quasi 3/4 meiner Garderobe aus. Knapp 20 große blaue, Säcke, die zur Kleiderspende kamen.

Ich war schockiert über mein eigenes Verhalten! Was war da los?

Dem Konsum-Monster auf die Schliche kommen

Die folgende Reflexion in vier Schritten half mir, die Gründe für das Ansammeln von Unmengen an Zeug besser zu verstehen:

  • Belohnung:
    Eine Gehaltserhöhung, ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt – “wow, ich gönn mir jetzt was tolles, das hab ich mir verdient!” Dieser Gedanke ist richtig, er ist positiv und drückt Selbstrespekt und Selbstliebe aus. Wie wäre es, ihn durch etwas immaterielles zu tauschen: ein Anruf bei einer Freundin (Freude verdoppelt sich, wenn sie geteilt wird), ein leckeres Essen (in einem schönen Resto oder selbst gekocht), eine Meditation? Öffne die Möglichkeiten!
  • Frust:
    Ebenso wie Belohnung triggert Frustration (Stress an der Arbeit, mit dem Partner, Hormone) den Shoppingtrieb. Shoppen macht glücklich, oder? Etwas schönes und neues zu finden ist wie ein Trostpflaster oder eine Kompensation für erlittenen Kummer. Besser: etwas gegen die Ursache (Kummer) unternehmen und nicht ihn nicht mit der Konsumpille ruhig stellen. Probleme verschwinden in der Regel nicht mit einem neuen It-Piece. Das It-Piece hingegen kann schon nach kurzer Zeit in der hintersten Ecke des Kleiderschranks vergammeln.
  • Soziale Dynamik / Peer Pressure:
    Noch heute geht mein Puls beim Anblick schöner Kleidung und toller Makeup-Produkte – ob in Shops, Magazinen oder auf Social Media – nach oben. So hacke ich meinen Konsum-Jieper: es ist meine feste Regel, zuerst alles an Kosmetik aufzubrauchen, bevor ich mir etwas neues zulege. Bei Klamotten halte ich es so, dass ich bei einer wohlüberlegten Neuanschaffung ein älteres Kleidungsstück gehen muss (Spende, Freebiebox bei uns im  Haus)
  • Verleugnung/Ignoranz
    Es gibt viele Bücher zum Thema “Zustände in der Textil-, Elektronik- und generell Consumer-Industrie” – aber ich ignorierte diese Literatur und blendete die krassen, erschütternden Tatsachen über grobe Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutung einfach aus. Das hat sich geändert: wenn Du Dich eingehend mit Produktionsbedingungen in armen Ländern beschäftigst, blickst Du anders auf die Dinge.

 

Meine Erfolgs-Formel für mehr Konsumgelassenheit

Für mich funktioniert diese Formel am besten:

Schmales Shopping-Budget + seltener + achtsamer Shoppen weniger Stress, Gewinn an Zufriedenheit

Ein monatlich zugeteiltes Budget für Kleidung, Makeup und Pflanzen von 100€ genügt mir. Wie haut das hin? Es haut hin, wenn Du high end Mode aus zweiter Hand kaufst. Wenn Du Makeup Marken wählst, die Refill-Optionen haben. Wenn Du Pflanzen kaufst, wenn der Wochenmarkt am schließen ist und die Verkäufer Ware loswerden wollen. Dann kommst Du mit 100€ super hin, glaub mir.

Zusammenfassung

Was soll ich sagen: mein Weg war in gewisser Weise radikal. Ich habe zunächst mein Verhalten analysiert und wusste, dass dies der Schlüssel zu einem langfristig nachhaltigen Lifestyle ist. Noch ein Vergleich, der gut passt:

Crash-Diät (Shopping-Stopp mit hoher Rückfallwahrscheinlichkeit in alte Muster)
vs.
Ernährungsumstellung (langsamer Übergang, nachhaltig dauerhaft zufrieden mit weniger)

Keine Kohle mehr von mir für Fast Fashion. Stattdessen für Quality Time mit Partner, Lunches mit Freundinnen, Anschaffung von sinnvollen Dingen. Mehrwert.

Ich lade Dich dazu ein, den Materialwert von Dingen hinter Dir zu lassen, und stattfdessen den Mehrwert von Momenten zu entdecken. Qualität siegt über Quantität. Nicht in allen Dingen – nur in den wichtigen.

 

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